Rede des Außenministers von Tadschikistan Sirojiddin Muhriddin auf der Auftaktveranstaltung „Green Central Asia“ in Berlin

20.02.2020 09:55

Exzellenz Herr Bundesaußenminister Heiko Maas,

Exzellenzen, Verehrte Kollegen,

Meine Damen und Herren,

Gestatten Sie mir, dass ich zunächst dem Gastgeber der heutigen  Veranstaltung, dem Auswärtigen Amt, für die Gastfreundschaft und die  Initiierung "Green Central Asia" zur Unterstützung des Dialogs in der Region zu Klimawandel und den damit verbundenen Risiken meinen Dank ausspreche.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Die Folgen des Klimawandels sind überall sichtbar und betreffen jeden Einzelnen auf allen Kontinenten. Der Klimawandel betrifft auch Polareis, Meeresspiegel, Berge, Wälder, Gletscher sowie Land- und Wasserressourcen. Wie der jüngste Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) zeigt, "haben wir weniger als 12 Jahre Zeit, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad vorzubeugen. Dieses Zeitfenster schließt sich schnell".

Die COP 24 in Kattowitz und der UN-Klimagipfel 2019 schufen unserer Ansicht nach dem richtigen politischen Impuls für mutige Klimaaktionen. Tadschikistan war Mitglied der "Nature-Based Solution Koalition" und trug zum Gipfel bei, indem es die enge Verknüpfung des Klimawandels mit den Trinkwasserressourcen betonte.

Exzellenzen,

Tadschikistan ist ein Gebirgsland, in dem sich der größte Teil der Wasserressourcen Zentralasiens entstehen. Die Berg- und Vorgebirgsregionen des Landes sind die wichtige Zone der Strömungsbildung des Aralsee-Beckens. Bedeutende Wasserressourcen des Landes bieten riesiges Potential für die Wasserkraft. So beträgt der Anteil der Wasserkraft an der Energiebilanz des Landes etwa 98 %. Mit anderen Worten produzieren wir zu fast 100% "grüne Energie". Es ist bekannt, dass der Klimawandel direkte Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Wohlergehen der Menschen hat. Die Langzeitbeobachtungen unserer Experten belegen die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Umwelt sowie die soziale und wirtschaftliche Situation in Tadschikistan und Zentralasien. Nach diesen Einschätzungen ist in den letzten 60 Jahren die jährliche Lufttemperatur in Tadschikistan durchschnittlich um 1 Grad Celsius gestiegen, die Anzahl der Tage mit starken Niederschlägen und die Häufigkeit und Intensität natürlicher hydrometeorologischer Phänomene haben zugenommen, die Amplitude der Niedrigwasser- und Hochwassersaison wurde gestört und entstand ein unregelmäßiger Übergang zwischen den Jahreszeiten, der früher glatter verlief.

Gletscher- und Gebirgsökosysteme, die für die nachhaltige Entwicklung der gesamten zentralasiatischen Region entscheidende Rolle spielen, verschlechtern sich durch Auswirkungen des Klimawandels. Während der letzte Bericht über die Bewertung des Himalaya und des Hindukusch davor warnt, dass die höchsten Gletscher der Welt schmelzen und mindestens ein Drittel davon bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden werden, befinden sich die Gletscher Zentralasiens – Hauptquelle der regionalen Flüsse – in einem Zustand der Degradierung.

Unseren Schätzungen zufolge haben diese Gletscher in den letzten 50-60 Jahren 20% an Volumen und 30% an Fläche verloren. Das könnte die Wasser-, Nahrungsmittel- und Energiesicherheit der Millionen von Menschen in Frage stellen. Die häufiger auftretenden Niederschläge werden mehr Überschwemmungen und Schlammlawinen mit sich bringen, da das beschleunigte Abschmelzen der Gletscher einen signifikanten Anstieg des Wasserabflusses verursachen kann.

Als Folge davon hat Tadschikistan in den letzten Jahren erhebliche Zunahme der Anzahl und Intensität extremer Naturgefahren erlebt. Jährlich verursachen die Überschwemmungen, Hochwasser, Schlammlawinen und Erdrutsche schwere Schäden für die Bevölkerung und die Wirtschaft des Landes. In den letzten fünf bis sechs Jahren hat die Intensität der Naturkatastrophen in Tadschikistan um 25% zugenommen. In diesem Zeitraum forderten verschiedene Naturkatastrophen das Leben von etwa 200 Menschen, fast 100.000 Häuser wurden beschädtigt. Die durch Naturkatastrophen verursachten wirtschaftlichen Schäden belaufen sich jährlich auf mehrere Hundert Millionen US Dollar.

Die Umweltzerstörung als Folge von Bodenerosion, Wasserverschmutzung und Entwaldung hemmt zunehmend das Wirtschaftswachstum des Landes. Da fast das gesamte Gebiet Tadschikistans als dürregefährdet und semiarid gilt, sind diese Auswirkungen durch den Klimawandel und die zunehmende Trockenheit besonders stark ausgeprägt. In den Bergregionen sind die Bedingungen noch schlechter. Bodenerosion auf regenreichem Ackerland, Degradierung von Weiden, Wäldern und Büschen mit anschließendem Verlust der Biodiversität; Degradierung durch Naturkatastrophen, wie Schlammlawinen und Überschwemmungen sind die Folgen.

Daher ist Tadschikistan als ein Entwicklungsland der Ansicht, dass der Klimawandel nicht nur ein Sicherheitsrisiko darstellt, es birgt außerdem ein Entwicklungsrisiko, welches die Bemühungen bei der Verwirklichung der „Agenda 2030 und ihre Ziele für nachhaltige Entwicklung gefährdet. Mehrere andere Studien weisen darauf hin, dass der Klimawandel ernsthafte komplexe Risiken birgt, darunter Sicherheits-, Entwicklungs- und Umweltrisiken sowie sozio-ökonomische Risiken. Heute müssen dringend Maßnahmen ergriffen werden, um sich an die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels anzupassen und die nachhaltige Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen in der Region zu fördern.

Sie kann nur durch das koordinierte Vorgehen aller an einer konstruktiven regionalen Zusammenarbeit beteiligten Länder unter gebührender Berücksichtigung ihrer jeweiligen Interessen, sowie durch die Verbesserung des institutionellen und rechtlichen Rahmens und eine deutliche Erhöhung der Investitionen in die Infrastruktur erreicht werden.

Verehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

Die effiziente Nutzung von Trinkwasser, das die am meisten gefährdete Ressource für den Klimawandel ist, spielt bei der Erlangung der Ziele der nachhaltigen Entwicklung eine bedeutende Rolle. In den letzten fünfzehn Jahren hat Tadschikistan zusammen mit den UN-Mitgliedsstaaten und UN-Organisationen eine Reihe globaler Initiativen initiiert, darunter das "Internationale Jahr des Trinkwassers, 2003", die Internationale Aktionsdekade "Wasser zum Leben, 2005-2015", das "Internationale Jahr der Wasserkooperation, 2013" und die neue Aktionsdekade "Wasser für nachhaltige Entwicklung, 2018-2028". Sie bieten weiterhin eine zeitgemäße und nützliche Plattform für die Zusammenarbeit bei der Förderung der integrierten Nutzung von Wasserressourcen und der Beschleunigung des Zugangs zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen sowie der allgemeinen Erlangung von wasserbezogenen Zielen und Vorgaben an.

Die Regierung Tadschikistans ist bestrebt, weiterhin eine Plattform für politischen Dialog, Partnerschaft und Aktionen zu bieten, indem sie mit Unterstützung der Vereinten Nationen und anderer Partner während der gesamten Wasser-Aktionsdekade die High-Level-Konferenzen organisiert und so den "Duschanbeer Wasserprozess" ins Leben ruft. Zu diesem Zweck werden wir in Zusammenarbeit mit Vereinten Nationen und anderen Partnern vom 18. bis 20. Juni 2020 die 2. Internationale High-Level-Konferenz zur Internationalen Aktionsdekade "Wasser für nachhaltige Entwicklung, 2018-2028" unter dem Titel "Verstärkung der Wasseraktion und der Partnerschaft auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene" veranstalten. Die Konferenz wird unter Vorsitz vom Premierminister der Republik Tadschikistan und dem Leiter der UNDESA abgehalten. Bei dieser Gelegenheit möchten wir Sie alle zu einer aktiven Teilnahme an dieser wichtigen Konferenz einladen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Wir glauben, dass die Initiative "Green Central Asia“ das Potenzial hat, in unserer Region erfolgreich zu sein. Sie sollte daher unsere Bemühungen zur Bewältigung der durch den Klimawandel verursachten Herausforderungen und Probleme unterstützen und ergänzen sowie zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen und die Widerstandsfähigkeit und Stabilität im Land, in der Region und darüber hinaus stärken.

Zu diesem Zweck will ich einige der Bereiche unserer möglichen Zusammenarbeit im Rahmen dieser Initiative ansprechen. Erstens, könnte die gemeinsame Nutzung des enormen "grünen Energie“ Tadschikistans (98% der Elektrizität in Tadschikistan, die von Wasserkraftwerken erzeugt wird, 527 Milliarden KWh pro Jahr) im Rahmen dieser Initiative zu integrierten Lösungen vieler bestehender und potenzieller Probleme insbesondere in Zentralasien beitragen:

-die Gewährleistung der Wasser-, Energie- und Ernährungssicherheit unserer Länder;

-signifikante Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen (THG-Emissionen pro Person in Tadschikistan sind weniger als 1 Tonne pro Person und Jahr);

-Prävention von extremen meteorologischen Ereignissen (Dürre, Überschwemmungen und Schlammlawinen).

Man darf auch nicht vergessen, dass es ein großes Potenzial an erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind gibt, die alle Bemühungen in dieser Richtung ergänzen könnten.

Zweitens, ist es notwendig, die Überwachung von Gletschern, Schnee und anderen Wasserquellen zu verstärken und zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen, um sie für künftige Generationen aufzubewahren. Zu diesem Zweck möchten wir an den Vorschlag des Präsidenten der Republik Tadschikistan, S.E. Herrn Emomali Rahmon anknüpfen, der zur Erhaltung der Wasserressourcen und Gründung eines Fonds zur Erhaltung der Gletscher appelliert.

Drittens, wäre die Zusammenarbeit der Länder der Region, vor allem aber die Unterstützung internationaler Geber bei der Entwicklung von Präventivmaßnahmen und Schaffung geeigneter Fonds zur Unterstützung bedürftiger Länder sehr wichtig.

Wir schlagen vor, im Rahmen des „Green Central Asia“ unsere Anstrengungen zur Reduzierung der Katastrophenrisiken durch die Verbesserung der Transportnetze, die Aktivitäten zum Schutz der Ufer, den Bau von Lawinenschutzgalerien und andere Maßnahmen zu vereinen.

Zusammenarbeit bei der Wiederaufforstung wäre der vierte Vorschlag. Die Wälder in Tadschikistan erfüllen vor allem die Funktionen des Wasserschutzes, der Bodenerosionskontrolle, der Landwirtschaft und der Rekreation. Nach den verfügbaren Daten sind 3% der Fläche Tadschikistans mit Wäldern bedeckt, die seit der Unabhängigkeit um 27% zurückgingen. Die Rekreationsressourcen Tadschikistans stellen auch ein wichtiges Potential für die zukünftige Entwicklung des ökologischen Tourismus dar.

Die Zusammenarbeit in diesen Bereichen könnte die Bemühungen um Verbesserung der Ökologie Zentralasiens guten Beitrag leisten. Es ist besonders hervorzuheben, dass Deutschland seit vielen Jahren die Länder Zentralasiens über den Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees unterstützt. In diesem Zusammenhang glauben wir, dass diese Zusammenarbeit durch die Initiative "Green Central Asia" weiter gestärkt werden kann. Als Vorsitzender der Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees beabsichtigt Tadschikistan, die Bemühungen für Entwicklung praktischer Maßnahmen zur Lösung der Wasserprobleme in der Region fortzusetzen, wobei die Interessen aller zentralasiatischen Länder berücksichtigt werden sollen, und die rationelle, effiziente und vernünftige Nutzung der Wasserressourcen auf nationaler und regionaler Ebene zu fördern.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

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